6. Türchen:

Else Ury (1877-1943)

Nesthäkchens „Mutter“


Else Ury

In insgesamt zehn Bänden wächst die Arzttochter Annemarie, die von allen als Nesthäkchen bezeichnet wird, vom Mädchen zur jungen Frau heran. Doch während diese Bücher zu den bekanntesten Mädchenbüchern Deutschlands zählen, ist das Schicksal ihrer Autorin Else Ury eher unbekannt. Die Tochter des Fabrikbesitzer Emil Ury, der sich als gläubiger Juden ebenso wie als patriotischer Deutscher betrachtet, beginnt früh zu schreiben: Auf ein Theaterstück folgen Reiseberichte für eine Zeitung, 1905 erscheint eine Märchensammlung. Zum größten Erfolg wird ihre Nesthäkchenreihe, die zwischen 1913 und 1925 erscheint und in etliche Sprachen übersetzt wird. Else Ury ist eine geachtete und wohlhabende Frau, die in Zeiten der Inflation ihre Familie finanziell unterstützt. Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten beginnt die Zeit der Verfolgung: Als Jüdin erhält sie quasi Berufsverbot. Und da sie, um ihre Mutter zu pflegen, von der Emigration nach England absieht, wird sie 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihre privaten Aufzeichnungen sind verloren gegangen – doch ihr Werk begleitet über ihren Tod hinaus viele Mädchen ins sogenannte „Backfischalter“.

Julia Kröhn