14. Türchen:

Das Egtved-Mädchen

Das Egtved-Mädchen

Wer war sie? Was war ihr Ziel? Und was hatte sie im dänischen Jütland zu tun, rund 800 Kilometer von ihrer Heimat, dem Schwarzwald, entfernt? Der Reihe nach:
Als ein dänischer Landwirt im Jahr 1921 einen Hügel auf seinem Grund und Boden einebnen wollte, stieß er dabei auf einen circa zwei Meter langen Eichensarg. Geistesgegenwärtig verständigte er sofort das dänische Nationalmuseum in Kopenhagen. Die dortigen Mitarbeiter reisten umgehend an, transportierten den Sarg in die Räumlichkeiten des Museums und öffneten den Holzkasten. Und da lag sie, der man später den Namen Egtved-Mädchen, benannt nach ihrem Fundort in Dänemark, geben sollte. In einem gut erhaltenen Kuhfell, von einer Decke eingehüllt, mit schulterlangem brünetten Haar fand man sie vor. Seit 3.400 Jahren lag sie in dem ausgehöhlten Baumstamm. Es waren schon einige solcher Baumsärge gefunden worden, etwa 1871 im Borum Eshøj, einem Grabhügel nordwestlich von Århus, dieser jedoch war etwas Besonderes. Nicht nur, dass die Kleidung des Mädchens fast vollständig erhalten war, auch die Grabbeigaben waren äußerst interessant. Auf ihrem Gürtel befand sich eine bronzene Sonnenscheibe, mit begraben waren auch mehrere Gefäße; in einem davon, das neben ihrem Kopf platziert war, fanden sich die verbrannten Überreste eines vermutlich fünf- oder sechsjährigen Kindes. Ob es ihr eigenes Kind war oder ein fremdes, ob es aus denselben Gründen gestorben war wie das Egdvet-Mädchen oder ob es sich um eine Opfergabe handelte – diese Fragen konnten die Wissenschaftler nicht beantworten. Lange Zeit hielt man das Egtved-Mädchen für eine Dänin. Doch anhand einer Analyse ihrer gut erhaltenen Haare konnte nachvollzogen werden, wo sie sich in den letzten Monaten vor ihrem Tod tatsächlich aufgehalten hatte: Sie pendelte zwischen Jütland und dem Schwarzwald hin und her – zu Fuß! Die Analysen legen nahe: Aus dem Schwarzwald kam sie; 13 bis 15 Monate vor ihrem Tod wanderte sie von Jütland in den Schwarzwald und wieder zurück nach Jütland. Dort blieb sie ein paar Monate, nur um abermals in den Schwarzwald zurückzukehren, für etwa ein halbes Jahr zu bleiben und einen Monat vor ihrem Tod zurück nach Egtved zu wandern. Die Wissenschaftler fanden außerdem heraus, dass das etwa 18-jährige Mädchen wohl im Sommer verstarb, denn an seiner Kleidung fand man Pollen von Schafsgarbe.
DNA-Proben konnten die Wissenschaftler nicht entnehmen, da die saure Umgebung des Sarges alle DNA zerstört hatte. Doch Strontium-Signaturen brachten die Forscher weiter. Das Element Strontium befindet sich zum Beispiel im Wasser, die Konzentration und die unterschiedlichen Isotope sind von Ort zu Ort unterschiedlich. Das Strontium lagert sich im Körper ab, etwa in Haaren oder Fingernägeln.
Mögliche Motive für die Reisen zwischen Schwarzwald und Jütland sind mannigfaltig. Zunächst revidiert das Egtved-Mädchen die allgemeine Auffassung, dass Menschen in der mittleren Bronzezeit eher ortsgebunden waren. Im Raum nördlich der Alpen gab es zwei Gegenden, die dichter bevölkert und wahrscheinlich weiter entwickelt waren als andere Gegenden des Raumes. Dies waren die jütische Halbinsel und der süddeutsche Raum. Handelsverbindungen bestanden zwischen diesen Gebieten, begehrt war vor allem Bernstein von der Ostsee. Dies könnte die Reisen des Egtved-Mädchens erklären, aber auch eine wirtschaftspolitische Heirat könnte der Grund für diese langen Reisen gewesen sein.
Am Ende dieser erstaunlichen Geschichte bleiben viele Fragen: Gab es einen Mann? Welcher Familie gehörte sie an? Weist die Gürtelscheibe darauf hin, dass sie vielleicht dem nordischen Sonnenkult angehörte, gar eine Priesterin war? Eines ist sicher: Die Schwarzwälderin kam weit herum und hätte bestimmt so einiges zu erzählen gehabt.

Mike Durlacher