12. Türchen:

Charlotte Stieglitz (1806-1834)

„In dem Unglücksein liegt ein wunderbarer Segen, der wird sicher über Dich kommen.“

Hanseatinnen neigen nicht zu übertriebenen Handlungen? Charlotte Stieglitz schon: Am 18. Juni 1806 erblickt sie in Hamburg das Licht der Welt, 28 Jahre, sechs Monate und elf Tage später, am 29. Dezember 1834, stößt sie sich einen Dolch ins Herz. Der verblüffende Grund: Sie will ihrem Mann damit zum Erfolg verhelfen. Erfolgsorientiert zu sein, ist ja nun doch wieder ein typisch hanseatischer Zug – wenn die meisten Hamburgerinnen auch sicher nicht zu solchen Mitteln greifen würden. Und Charlotte ist immerhin eine echte Kaufmannstochter: die des Hamburgers Willhöft. Ein Kaufmann hätte natürlich kaum beruflichen Vorteil aus dem Suizid seiner Gattin ziehen können. Ein Dichter – nach Ansicht der Charlotte Stieglitz – schon. Und Dichter ist der ihr angetraute Heinrich Wilhelm Stieglitz. Ein überaus erfolgloser. Aber einer, der sich zu Höherem berufen fühlt und seine Anstellung als Kustos der Königlichen Bibliothek in Berlin aufgibt, um fortan vom Schreiben und von der Liebe zu leben. Mit der Ehe ist es auch nicht zum Besten bestellt: Beide Ehepartner haben ausgesprochen romantische Vorstellungen von der Liebe, beide scheitern am Alltag und der Realität. Trotzdem tut Charlotte alles, um ihn auf seinem Weg als Dichter zu unterstützen – was auch wieder zur romantischen Gesinnung passt: Sie die Muße, er jener, der seine tiefen Gedanken so geschickt in Worte zu verpacken mag. Allein,
ihre Bemühungen fruchten nicht. Also denkt sie sich, ein enormer Schmerz könne seinen Gedichten zu mehr Tiefgang verhelfen – es ist schließlich bekannt, dass viele große Werke
unter größter Seelenpein entstanden sind. Die Art und Weise, ihm diese Seelenpein zuzufügen, könnte nicht dramatischer sein: Charlotte vergiftet sich weder noch geht sie in aller Stille in die Alster, um niemals wiederzukehren, nein, sie stößt sich einen Dolch ins Herz! Manche Quellen sagen, das sei sogar vor seinen Augen geschehen.
Die Zeitung für die elegante Welt widmet dem Ereignis zwei Jahre später einen Bericht. Unter dem Titel Weibliche Charaktere schildert F. G. Kühne, wie Charlotte ihren Gatten unter die „zartesten Fittichen der Liebe“ nahm und dass „sie sich die Hände wund“ gerungen habe, „um Heinrich’s Dämon (…) zu bezähmen.“ Und irgendwann habe dann „alle Qual der langen Jahre sich in dem Entschlusse“ zusammengedrängt, „sie müsse den an Liebe Verwöhnten hinaus ins Leben treiben, durch eine ungeheure That die verschlungenen Bande für sich und ihn lösen, ihn preisgeben an die Wogen des Schicksals.“
In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie: „In dem Unglücklichsein liegt oft ein wunderbarer Segen, der wird sicher über Dich kommen“. Und weiter: „Wir litten Beide ein Leiden; Du weißt es, wie ich in mir selber litt. Nie komme ein Vorwurf über Dich. Du hast mich viel geliebt. Es wird besser mit Dir werden, viel besser jetzt. Warum? Ich fühle es, ohne Worte dafür zu haben.“ Die junge Frau sieht die Liebe als etwas, das bereit ist, jedes nur erdenkliche Opfer zu erbringen. Charlotte Stieglitz’ Zeitgenosse, der Dichter Theodor Mundt, ist allerdings der Ansicht, sie habe schon in ihrer Kindheit Selbstmordgedanken
gehabt.
Das Junge Deutschland, die neue literarische Richtung, der sich auch Heinrich Wilhelm zugehörig fühlt, feiert die Tote als Märtyrerin. Einen Gefallen getan hat Charlotte Stieglitz mit ihrem Selbstmord aber wirklich niemandem: ihrem Gatten nicht, dem alle Seelenpein nicht zu einer edleren Feder verhilft und der Bewegung Junges Deutschland auch nicht: Sie steht ohnehin schon in der Kritik, einen schlechten Einfluss auszuüben. Und am 10. Dezember 1835 beschließt der Bundestag, die Strömung zu verbieten. Begründung: Die Jungdeutschen trachteten danach, „in belletristischen, für alle Klassen von Lesern zugänglichen Schriften die christliche Religion auf die frechste Weise anzugreifen, die bestehenden socialen Verhältnisse herabzuwürdigen und alle Zucht und Sittlichkeit zu zerstören“.

Eva-Maria Bast